Niedersächsischer Forschungsverbund Gestaltung altersgerechter Lebenswelten

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Ausgangslage

In den kommenden Jahrzehnten ist aufgrund der Zunahme der durchschnittlichen Lebenserwartung und des Geburtenrückgangs mit einer deutlichen Alterung der Bevölkerung zu rechnen. Dieses "Altern der Gesellschaft" ist vor allem durch drei Dimensionen gekennzeichnet. Erstens hat die absolute Zahl älterer Menschen zugenommen: Lebten 1910 im Deutschen Reich noch wenig mehr als drei Millionen Personen über 64 Jahre, so waren es im vereinten Deutschland im Jahr 2000 über 13 Millionen. Zweitens ist die relative Zahl älterer Menschen gewachsen. Der Bevölkerungsanteil der über 64-Jährigen stieg im hier betrachteten Zeitraum von 5 auf 16 Prozent. Im Verhältnis zur erwerbsfähigen Bevölkerung im Alter zwischen 18 und 64 Jahren stieg der Anteil der Älteren währenddessen von neun auf 25 Prozent. Dieses Verhältnis der Altersgruppen zueinander ist insbesondere deshalb von Bedeutung, weil auf die jüngeren Altersgruppen wesentliche Aufgaben bei der Versorgung älterer Menschen zukommen werden. Die dritte Dimension des Alterns schließlich ist die Zunahme der "Hochaltrigkeit". Zwischen 1910 und 2000 ist der Anteil der sehr alten Menschen über 80 Jahre an der deutschen Bevölkerung von 0,5 Prozent auf über drei Prozent gestiegen. Damit hat sich der Anteil der Hochaltrigen bereits mehr als versechsfacht.

Modellrechnungen zeigen, dass - bei einer moderaten Abnahme der Bevölkerungszahl - für die nächsten Jahrzehnte weitere deutliche Veränderungen in der Altersstruktur zu erwarten sind (Statistisches Bundesamt 2006). Der Anteil der Jugendlichen unter 18 Jahren an der Gesamtbevölkerung wird von 19 Prozent im Jahr 2000 auf knapp 16 Prozent im Jahr 2030 sinken, der Anteil der über 64-Jährigen an der Bevölkerung hingegen von 16 Prozent auf über 25 Prozent steigen. Als Folge dieser Entwicklung steigt das mittlere Alter der Bevölkerung stark an - im Jahr 2030 werden 50 Prozent der Bevölkerung älter als 47 Jahre sein. Auch wenn die Schätzungen im Detail je nach zugrundeliegenden Annahmen variieren, besteht an der Grundtendenz kein Zweifel.

Die absehbaren gesellschaftlichen und ökonomischen Folgen der demographischen Entwicklung werden besonders deutlich, wenn man die künftige Relation der Altersgruppen zueinander betrachtet. Der "Alterslastquotient", das Verhältnis der Bevölkerung über 64 Jahre zur Bevölkerung im Alter zwischen 18 und 64 Jahren, steigt im Verlauf von nur drei Jahrzehnten von 25 auf knapp 44 Prozent. Kommen heute auf jede Person im Ruhestandsalter noch rund vier Personen im erwerbsfähigen Alter, sind es nach dem Jahr 2030 nur noch zwei. Zwar wird die "Jugendlast", das Verhältnis der unter 18-jährigen Bevölkerung zur Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren, leicht sinken, aber aller Voraussicht nach nur sehr geringfügig von 29 auf 26 Prozent, so dass von hier keine substantielle Entlastung der mittleren Altersgruppen zu erwarten ist. Und schließlich soll die Zahl der Pflegebedürftigen im Vergleich zum Jahr 2000 bis zum Jahr 2040 um 70 Prozent, jene der Demenzkranken um knapp 90 Prozent ansteigen.

Zudem wird der Rückgang der durchschnittlichen Zahl der Kinder wie auch die Zunahme der Kinderlosigkeit zu Engpässen in der Versorgung älterer Menschen führen, was höhere Belastungen sowohl für die Familien als auch für die Gesellschaft insgesamt bedeutet. Verschärft wird diese demographische Ausgangslage möglicherweise noch durch veränderte Familienformen (weniger Schwiegertöchter und -söhne, weniger Enkelkinder, Zunahme an Scheidungen und Wiederverheiratungen) oder eine stärkere Berufsorientierung und höhere regionale Mobilität der potentiellen Unterstützungspersonen.

Neben diesen in den ungefähren Größenordnungen abschätzbaren Veränderungen ist ein qualitativer Bedeutungswandel des Alters zu erwarten. Der Ruhestand hat seinen Charakter als "Restzeit", die es irgendwie zu durchleben gilt, verloren und ist zu einer eigenständigen Lebensphase geworden, die den Entwurf neuer biographischer Projekte fordert und die Frage der Beteiligung am sozialen Leben in neuer Form stellt. Zugleich erreichen die Älteren im Durchschnitt den Ruhestand in immer besserer gesundheitlicher Verfassung, mit besseren Qualifikationen und - zumindest bislang - mit einer besseren materiellen Absicherung als frühere Generationen, d. h. die individuellen Ressourcen und Kompetenzen für eine aktive Gestaltung der "Lebensphase Alter" nehmen zu. Das Altern der Gesellschaft wie auch die zukünftig Älteren müssen somit keinesfalls nur als "Last", sondern können im Gegenteil auch als "Chance" für die Gesellschaft betrachtet werden, etwa hinsichtlich des bürgerschaftlichen Engagements, aber auch hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung. Es hat sich in diesem Zusammenhang als hilfreich erwiesen, "das Alter" nicht stereotyp zu betrachten, sondern explizit seine Heterogenität und damit die beträchtlichen individuellen Unterschiede von Alternsverläufen und -prozessen zu thematisieren.